Mittwoch, 27. März 2013

Wenn die Steckdose nichts mehr hergibt

Tausende von Haushalten müssen wegen Schulden und einer Stromsperre ohne Elektrizität auskommen 

Steigende Strompreise drohen künftig noch mehr Haushalte zu überfordern als bereits heute. Allein die N-Ergie hat in ihrem Versorgungsgebiet im ver­gangenen Jahr gut 5000 Kunden den Strom abgedreht, nachdem diese mit Zahlungen in Verzug geraten waren. Allerdings gibt es auch Anzeichen dafür, dass verschiedene Beratungs­und Hilfsprogramme greifen. 

Stromsperren, das ist ein heikles und buchstäblich heißes Thema: Vor rund einem Monat kam eine 55-jäh­rige Nürnbergerin bei einem Woh­nungsbrand in Großgründlach ums Leben. Auslöser dürfte ein Camping­kocher gewesen sein — vielleicht durch ein Missgeschick beim Hantie­ren mit dem Brenner oder der Gaskar­tusche. Die Tragik des Falls wurde erst im Nachhinein bekannt: Der Mie­terin war vor acht Jahren der Strom gesperrt worden; sie hatte sich seither mit Notlösungen beholfen — und ist damit, nach Erfahrungen der Sozial­dienste, durchaus kein Einzelfall. 

Die Stromversorger verweisen regel­mäßig darauf, dass ihnen Informatio­nen über die persönlichen Lebensum­stände ihrer Kunden fehlen. Vor allem darüber, ob in dem betroffenen Haus­halt beispielsweise Kinder zu versor­gen sind — dann sind Sperren regelmä­ßig besonders problematisch. Grund­sätzlich werden Betroffene an den All­gemeinen Sozialdienst beim Jugend­amt oder den Sozialpädagogischen Fachdienst beim Sozialamt verwie­sen, wo auch die Fäden für das seit fünf Jahren laufende Energiesparpro­jekt (ESP) zusammenlaufen.
Und das hat inzwischen durchaus messbare Erfolge gebracht. Zum einen sieht es eine systematische Bera­tung bedürftiger Haushalte vor. Viele haben schon durch schlecht isolierte Wohnungen und veraltete Geräte höhere Belastungen zu tragen, können diese aber — wie alle Verbraucher — auch durch bewusstes Verhalten spür­bar reduzieren. Ebenso wichtig ist die zweite Säule des Programms: Um möglichst frühzei­tig zu verhindern, dass es zu einer Sperre kommt, wurde 2010 ein enger Austausch zwischen dem Versorger und dem Allgemeinen Sozialdienst vereinbart. So profitieren auch Emp­fänger von Sozialhilfe vom jeweils günstigsten Tarif, wenn sie ihre Raten per Abtretungserklärung direkt vom Jobcenter an die N-Ergie überweisen lassen. Das soll nicht zuletzt ein (un­oder zu spät bemerktes) Anhäufen von Außenständen vermeiden. Sind schon Schulden aufgelaufen, lässt sich das Unternehmen unter bestimm­ten Bedingungen auch auf unge­wöhnlich niedrige Raten und einen Verzicht auf sonst übliche Gebühren ein, damit die Haushalte unter der Belastung nicht zusammenbrechen.

Späte Reaktion 
„Im vergangenen Jahr gab es 2600 derartige Vereinbarungen, 600 mehr als im Vorjahr“, berichtet N-Ergie-Sprecherin Melanie Söllch. Allerdings werden die Möglichkeiten oft erst im allerletzten Moment in Anspruch ge­nommen, bedauert sie. Deshalb seien bisher „nur leichte Effekte auf die Zahl der Sperrungen“ zu beobachten. Anders übrigens in Fürth: Auf ein ähnliches Projekt unter dem Titel Stromspar-Check führen es die Fach­leute in der Nachbarstadt zurück, dass der Strom im vergangenen Jahr „nur“ noch 864 Kunden abgedreht worden sei, berichtete der örtliche Ver­sorger infra. Noch im Jahr 2006 hatte dieses Schicksal 1545 Bürger und ihre Familien getroffen. Freilich muss jede Sperre nicht nur durch Mahnungen längerfristig ange­droht, sondern auch jeweils ein paar Tage vorher noch einmal konkret angekündigt werden. Die Betroffenen sollen die Chance erhalten, das Äußerste doch noch abzuwenden und Kontakt aufzunehmen, sei es zu Energieberatern oder Sozialdiensten. Immer wieder kommt es auch zu einem kurzfristigen Hin und Her von Sperrung und Wiederöffnung. Als Pro­blem gilt in den Augen der Praktiker, dass Empfänger von Sozialleistungen die Ausgaben für Strom (außer beim Heizbedarf) grundsätzlich aus dem Regelsatz von Hartz IV oder der Grundsicherung aufbringen müssen — aber kaum einer mit der dafür ange­setzten Pauschale von sechs Prozent auskommen kann. Zur traurigen Wahrheit gehört aller­dings auch die Beobachtung, dass manche Betroffene alle Warnsignale ignorieren. Sie verstehen Mahnschrei­ben aus sprachlichen oder anderen Gründen nicht oder wissen nicht, an wen sie sich wenden können, so Gun­dula Blaszyk, die Koordinatorin des Nürnberger ESP-Programms. Zudem sind die Verhältnisse in nicht wenigen Fällen so verfahren, dass die Betroffe­nen dem Schlamassel nur noch mit Hilfe von Spendenmitteln karitativer Organisationen entkommen.



Feuerwehreinsatz in Großgründlach: 
In den Flammen starb eine Mieterin, die seit Jahren ohne
Strom lebte.




Quelle: 
WOLFGANG HEILIG-ACHNECK 
Nürnberger Nachrichten

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