Freitag, 24. Februar 2012

Obacht, Netzgemeinde!

Die gefährliche Sekte beherrscht längst Deutschland

Wenn irgendwo in Zeitungen oder im Fernsehen über das Inter­net berichtet wird, dann kann man Wetten darüber abschließen, dass ein bestimmter Begriff auftaucht. Und das ist die „Netzgemeinde“.
Sie wird seit Jahren für nahezu alles verantwortlich gemacht, was in Deutschland danebengeht. Zum Beispiel, dass Herr zu Guttenberg wegen zwei, drei winzig kleiner Unstimmigkeiten in seiner Doktor­arbeit arge Schwierigkeiten bekam. Oder dass Joachim Gauck vermutlich noch vor seiner Wahl vom Amt des Bundespräsidenten zu­rücktreten
wird. Es handelt sich bei der Netzge­meinde um eine der aktivsten reli­giösen Bewegungen in der Bundes­republik mit weit über 60 Millionen Mitgliedern. Das Ritual dieser Sekte besteht darin, schon am Mor­gen, kurz nach dem Aufwachen, einen meist runden Knopf zu drü­cken und sich dann den Rest des Tages vor einem erleuchteten Schrein, auch Bildschirm genannt, zu verneigen. Manchmal ist das ver­bunden mit gemurmelten, für Außenstehende unverständlichen Zauberformeln wie „Möcht’ nur mal wissen, warum der Kasten heut’ wieder so langsam is’“.
In die Netzgemeinde wird man aufgenommen, wenn man bereit ist, an Firmen wie Telekom oder Voda­fone monatlich eine größere Spende zu überweisen und während nächte­langer Exerzitien (auch „Surfen“ genannt) seine Wohnung nicht zu verlassen. Den lästigen Missiona­ren dieser Gemeinde kann man inzwischen überall in U-Bahnen und in Fußgängerzonen begegnen. Sie halten uns iPads und Smartpho­nes vor die Nase und versuchen auf diese Weise, uns zu bekehren.
Vereinzelt wird von Aussteigern berichtet. Sie schreiben bereits dann ziemlich stolz ein 300-Seiten-Buch darüber, wenn sie es mal vier Wochen ohne einen Kontakt zur Netzgemeinde geschafft haben. Aber die kommen uns, ehrlich ge­sagt, häufig noch etwas gestörter vor als die eigentlichen Sekten­mitglieder. 
Quelle:  HARALD BAUMER (Nürnberger Nachrichten)
 

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